10 Jahre Bodenfelder Synagoge in Göttingen, 27. Mai 2018 - 13. Siwan 5778

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 31. Mai 2018 um 11:06 Uhr Geschrieben von: Susanne Levi-Schlesier Donnerstag, den 31. Mai 2018 um 10:53 Uhr

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“Mah tovu ohalecha Ja’akow, mischkenotecha Jis
Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnstätten Israel.” (Numeri 24,)
Vor dreitausende Jahre segnete der biblische nicht-jüdische Prophet Bile’am mit diesen Worten das jüdische Volk.
Und mit diesen Worte betreten Juden noch immer die Synagoge.
Seit der Zerstörung des zweiten Tempels vor fast 2.000 Jahre, ist die Synagoge unser Zuhause geworden, überall in der ganzen Welt, überall wohin das Schicksal unser Volk gebracht hat. Auch nach Deutschland – die erste Ansiedlung der Juden in 321 ist urkundlich belegt, also vor fast 1.700 Jahre. Und auch nach Göttingen sind Juden gekommen – sie sind schon im 13. Jh. nachgewiesen.
Von den ‚schönen Wohnstätten’ ist aber seit dem Reichspogromnacht nicht viel übrig geblieben. Die 1895 eingeweihte Göttinger Synagoge, die Platz bot an 450 Menschen, wurde 1938 zerstört. 1939 war schon die Hälfte der Göttinger Juden geflüchtet, die andere Hälfte, über 250 Juden wurde kurz darauf ermordet.
Seit 1994 gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Göttingen, dank Einwanderung. 90 Prozent der jetzigen Mitglieder stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie, wir, haben hier ein Zuhause gefunden:
„Wie schön ist diese Wohnstätte.“
Wie schön, dass auch Du, wunderschöne, fast zwei hundert Jahre alte Synagoge aus Bodenfelde vor zehn Jahre ‚eingewandert’ bist! Nachdem Du die Reichspogromnacht überlebt und 70 Jahre verlassen und vernachlässigt leer gestanden hast: wie schön dass auch du hier ein Zuhause gefunden hast und seit zehn Jahre wieder in Amt und Würde bist!
Wir Juden, die so oft in der Geschichte auf der Flucht waren, und durch Krieg und Hunger vertrieben wurden, wir definieren unsere „Zelte und Wohnstätte“ als „ein Zuhause für alle Völker“ (Jesaja 57,6), weil wir diese Erfahrung teilen mit Millionen Flüchtlinge in der Welt. Weil wir, unsere Eltern und Großeltern selber erfahren haben wie es war „Sklaven in Ägypten zu sein“ – zu erst Teil der Gesellschaft, dann erniedrigt und gedemütigt, und schließlich verfolgt und vertrieben.
Trotz unserer Angst für Antisemitismus und Fremdenhass, öffnen wir die Türe unserer Synagoge, weil Göttingen, weil Deutschland nicht nur für uns aber auch für Abertausende Flüchtlinge die Türe wieder geöffnet hat.
Beim Betreten einer Synagoge sagen wir: „wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnstätten Israel – und dank deiner großen Liebe darf ich hereinkommen“(Psalm, 5,8).
Bruchim haBaïm – herzlich Willkommen!
[Rabbiner drs Edward van Voolen]