Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 27. September 2011 um 12:26 Uhr Geschrieben von: Administrator Donnerstag, den 28. April 2011 um 13:49 Uhr

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Umzug in ein neues Leben Die Geschichte der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Göttingen

detlev_herbst_200px Detlev Herbst, Heimatpfleger von Uslar, entdeckte zusammen mit dem Journalisten Peter Mützky die versteckte Bodenfelder Synagoge und machte sich daran, ihre Geschichte zu erforschen. Die Ergebnisse seiner Arbeit finden sich in seinem Buch „Jüdisches Leben im Solling“. Eine Zusammenfassung seiner Forschungen hat er der Jüdischen Gemeinde Göttingen und dem Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen zur Verfügung gestellt.

Die Entstehung einer jüdischen Gemeinschaft in Bodenfelde

Der genaue Zeitpunkt der Gründung einer jüdischen Gemeinde in der Region Uslar – Bodenfelde ist heute nicht mehr feststellbar. In Uslar wurden bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Menschen jüdischen Glaubens erwähnt. Die erste Erwähnung jüdischer Einwohner in Bodenfelde stammt aus dem Jahre 1689. Aus noch erhaltenen Unterlagen geht hervor, dass sich zumindest bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts immer wieder Menschen jüdischen Glaubens in Uslar, Bodenfelde und Wahmbeck aufgehalten haben. Auch in den benachbarten hessischen Wesergemeinden Vernawahlshausen, Oedelsheim und Lippoldsberg, die sich seit vielen Jahrhunderten eng mit Bodenfelde und den benachbarten Dörfern verbunden fühlten, lebten im 17. und 18. Jahrhundert jüdische Familien.

Der erste Betraum der Gemeinschaft

Die jüdischen Familien aus Bodenfelde, Uslar und den benachbarten hessischen Weserdörfern hielten bis 1753 ihre Gottesdienste in ihrem Betraum in der Wohnung eines jüdischen Einwohners in Bodenfelde ab. Im Mai 1753 musste der namentlich nicht bekannte Mieter der Wohnung wegen „ ...großer Armut…“ seine Möbel und auch die Kultusgeräte verkaufen, so dass die Judenschule, wie der Betraum genannt wurde, aufgelöst werden musste. Daraufhin stellten die beiden Lippoldsberger Judenfamilien Liebenberg einen Antrag an das Konsistorium in Kassel, in ihrem Haus in Lippoldsberg einen Betraum für die jüdischen Familien in Lippoldsberg, Uslar, Bodenfelde und Wahmbeck einzurichten. Die Abhaltung von Gottesdiensten war nur dadurch möglich, dass alle jüdischen Familien aus den genannten Orten eine Gemeinschaft bildeten. Denn nach jüdischem Ritus werden für die Abhaltung eines Gottesdienstes mindestens zehn religionsmündige Männer benötigt. In Bodenfelde und Wahmbeck waren zu dieser Zeit fünf jüdische Familien ansässig. Das Konsistorium genehmigte den Antrag. Schon im Jahre 1760 wurde der Betraum wieder nach Bodenfelde in die geräumige Wohnung einer namentlich nicht bekannten jüdischen Familie im Margrafschen Haus verlegt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste das Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen werden, so dass der jüdischen Gemeinschaft kein Gebetsraum mehr zur Verfügung stand.

Die Synagoge

Die Synagoge wurde im Stil der für den Solling so typischen Fachwerkkirchen erbaut. Sie stand auf einem quadratischen Buntsandsteinsockel mit einer Seitenlänge von acht Metern. Ihr Fachwerk war schlicht und schmucklos gehalten Die Gefache waren mit grob geformten, ungebrannten Lehmsteinen ausgemauert und mit einem hellgrauen Kalkanstrich versehen. Der Grundputz bestand aus grobem Strohlehmputz, auf den der Lehmfeinputz aufgetragen war. Das Fachwerk wurde auf der Süd -, Ost – und Nordseite jeweils von zwei großen weißen Sprossenfenstern unterbrochen. Auf der Westseite befanden sich links und rechts vom Zugang zur Empore zwei kleinere Fenster. Das Walmdach der Synagoge war mit roten Solling – Sandsteinplatten gedeckt. Von der Mühlenstraße führte ein schmaler gepflasterter Durchgang zum Eingang der Synagoge auf der Südseite. Die Synagoge bestand aus einem quadratischen schmucklosen Raum, dessen Wände geweißt waren. Der Fußboden bestand ursprünglich aus Holzbohlen. Sie wurden 1850 herausgenommen und durch Sandsteinplatten ersetzt. Unter einem siebenarmigen Kerzenleuchter stand auf einem achteckigen hölzernen Podest das ebenfalls aus Holz gefertigte Lesepult, die Bima. An der Ostwand war der schrankähnliche Thoraschrein mittig angebracht, dessen Vorderseite von einem roten, mit einer goldenen Krone bestickten Samtvorhang bedeckt war. Er war drei Meter hoch und zwei Meter breit. Seinen oberen Teil schmückte ein aus Holz geschnitztes aufgeschlagenes Buch mit den hebräischen Ziffern 1 – 10, das die Gesetzestafeln mit dem Zehnwort symbolisierte. Über dem Schrein war bis 1866 das kgl. Hannoversche Wappen angebracht. Es wurde nach der Annexion Hannovers durch das preußische Wappen ersetzt. Die Gemeinde besaß zwei Thorarollen.
Entlang der Süd-, West – und Nordwand waren die bankähnlichen hölzernen Stände der Gläubigen hufeisenförmig um die Bima angeordnet. Jeweils zwei Plätze waren durch eine Lehne getrennt. Vor den Bänken standen einfache Holzpulte, die als Ablage für die Gebetbücher dienten. Zwischen den Fenstern waren Öllämpchen an den Wänden befestigt. Die Frauen saßen getrennt von den Männern auf einer balkonartigen Empore auf der Westseite, die nur von außen über eine durch einen einfachen Holzverschlag geschützte Treppe zu erreichen war. Ein mit Gardinen bespanntes Holzgitter verhinderte den Einblick in die Empore. Die zuletzt sichtbare farbige Ausgestaltung des Innenraums wurde anlässlich der Feier des 100-jährigen Bestehens im Jahre 1925 von einem Kirchenmaler vorgenommen. Die Malereien an der Decke und den oberen Abschnitten der Wände bestanden aus geometrischen grauen und schwarzen Freskenbändern, die in den vier Ecken von floralen Ornamenten mit Weinblättern in lebhaften blauen, grünen und rotbraunen Farbtönen unterbrochen wurden. Der übrige Deckenbereich innerhalb der Freskenbänder bestand aus einer symbolischen Darstellung des Sternenhimmels und war in blauer Farbe mit goldenen Sternen bemalt. Inmitten des Sternenhimmels war – umgeben von einer großflächigen mehrfarbigen Rosette - der Deckenleuchter befestigt. Im Jahre 1998 wurden die vorhandenen Bestände der Innenraumbemalung zeichnerisch erfasst, um so Unterlagen für die geplante Konstruktionsfassung zu erhalten. Bei weiteren punktuellen Untersuchungen der Innenwandflächen konnten Bestände von vier weiteren historischen Kalk – und Leimfarbenanstrichen festgestellt werden, die sich unter der Bemalung von 1925 befanden. Da die Synagoge nicht beheizt werden konnte, fanden im Winterhalbjahr die Gottesdienste in der „Wintersynagoge“ im Hause Kahlberg in der Querstraße statt.

Die Synagoge als Mittelpunkt des religiösen Lebens der Gemeinde

Im Jahre 1841 hatte sich die Gemeinde eine Synagogenordnung gegeben. Sie regelte alle für den geordneten Ablauf der Gottesdienste notwenigen Formalien. Sie enthielt Vorschriften für die Bekleidung, Verhaltensregeln vor und während des Gottesdienstes und Strafen bei Fehlverhalten. Gottesdienste fanden anfangs montags, donnerstags und samstags statt, wenn die Mindestzahl von zehn Gläubigen, der Minjan, erreicht wurde. Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts fand nur noch ein Gottesdienst am Samstagvormittag statt. Die Gottesdienste wurden vom Religionslehrer der Gemeinde geleitet, der gleichzeitig die Aufgaben des Kantors und Schächters wahrnahm. Bei dessen Verhinderung und bei Vakanzen übernahm der Synagogenvorsteher die Leitung des Gottesdienstes. Der erste Religionslehrer der Gemeinschaft wurde 1819 erwähnt. Nach der Einrichtung einer jüdischen Elementarschule übernahm der Religionslehrer auch die Unterweisung der jüdischen Kinder in den Elementarfächern. Die relativ kleine Landgemeinde war aus finanziellen Gründen nicht in der Lage, einen Rabbiner anzustellen. Zu den Festtagen und hohen Feiertagen fanden besondere Gottesdienste statt, die meistens länger dauerten als die normalen Gottesdienste. Wenn diese auf einen christlichen Feiertag fielen, kam es immer wieder zu Störungen der Gottesdienste durch „…zahlreichen und dreisten Pöbel…“. Deshalb musste die Gemeinde um den Schutz dieser Gottesdienste durch den Gemeindediener oder einen Gendarmen bitten. Die Kosten dafür hatte die jüdische Gemeinde allerdings selbst zu tragen.
Am 14. November 1925 beging die Gemeinde mit einem Festgottesdienst das hundertjährige Bestehen der Synagoge. Zu der Veranstaltung waren auch Behördenvertreter eingeladen. Oberkantor Gottlieb aus Braunschweig leitete zusammen mit dem Bodenfelder Lehrer und Kantor Karliner den Festgottesdienst, der von einem namentlich nicht bekannten Chor und der Gesangssolistin Edith Cohn aus Göttingen musikalisch gestaltet wurde Zu diesem Anlass erklang vermutlich erstmalig ein Harmonium in der Synagoge. Die Festpredigt hielt Landrabbiner Dr. Lewinsky aus Hildesheim, die Festansprachen Gemeindevorsteher Albert Freudenthal und Rabbiner Dr. Albert Kahlberg aus Halle / Saale. Aus der Gemeinde gingen mehrere Lehrer, Religionswissenschaftler und Rabbiner hervor, die zu hohem Ansehen gelangten. Dr. Salomon Herzstein, war in Fürth / Bay. als Realschullehrer, Jacob Driesen in Karlsruhe als Direktor der Israelitischen Religionsgesellschaft im Großherzogtum Baden, Julius Oppenheimer als Rabbiner der liberalen Gemeinde im Berliner Westend, Professor Dr. Jacob Freudenthal an der Philosophischen Fakultät der Universität Breslau und Dr. Albert Kahlberg in Halle / Saale als Rabbiner tätig. Sie kamen immer wieder gerne nach Bodenfelde und Uslar zurück, um ihre Familien zu besuchen und Trauungen von Familienmitgliedern vorzunehmen oder an Feiertagen den Gottesdienst zu leiten. Jacob Driesen und Jacob Freudenthal sind mit ihren Ehefrauen auf dem jüdischen Friedhof in Bodenfelde bestattet worden.

Die Vorsteher der Synagogengemeinde

Moses Herzstein 1825
Benjamin M. Freudenthal 1830 - 1836
Calman Cohen 1837
Abraham M. Freudenthal 1838 - 1847
Herz Herzstein 1847 - 1853
Selig Liebenrecht 1855 - 1857
Susman Freudenthal 1858 - 1861
Israel Liebenfeld 1862 - 1867
Meyer Freudenthal 1867 - 1891
Meyer Freudenthal 1891 - 1910
Albert Freudenthal 1911 - 1933
Albert Freudenthal 1934 - 1937
Die Synagoge in der NS - Zeit

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verringerte sich die Mitgliederzahl der Gemeinde infolge der Auswirkungen der Boykottmaßnahmen und der persönlichen Bedrohungen und Erniedrigungen ständig. Zahlreiche Mitglieder waren bereits vorher emigriert. Im Jahre 1937 musste der letzte Gemeindevorsteher Albert Freudenthal die Gemeinde schließlich auflösen, da sie nur noch aus drei Personen bestand, und die Synagoge verkaufen. Albert Freudenthal emigrierte mit seiner Familie nach Palästina. Dabei gelang es ihm, eine der Thorarollen mit nach Haifa zu nehmen. Sie befindet sich dort noch heute in der liberalen Or Hadash Synagoge. Die Einrichtungsgegenstände der früheren Synagoge wurden nach dem Verkauf entfernt. Der neue Eigentümer, der Schuhmacher H. Wiechers, nutzte das Gebäude fortan als Schuhmacher - Werkstatt und Schuppen. Im Morgengrauen des 10. Novembers 1938 konnte nur dank des beherzten Eingreifens H. Wiechers ihre Zerstörung durch SA-Angehörige verhindert werden. Antijüdische Parolen schreiend waren sie mit Benzinkanistern auf das Gartengrundstück gestürmt und wollten die Synagoge in Brand stecken. In einer längeren hitzig geführten Diskussion gelang es Wiechers die SA – Männer davon zu überzeugen, dass bei der Ausführung ihres Vorhabens nicht nur die Synagoge abbrennen würde sondern auch die dicht aneinander gebauten Fachwerkhäuser in der Nachbarschaft ein Opfer der Flammen werden würden. Danach zogen die SA - Angehörigen weiter zum Wohnhaus der altersschwachen bettlägerigen Geschwister Röschen und Moses Kahlberg in der Querstraße, um es anzuzünden. Auch hier wurden sie von mutigen Nachbarn an der Ausführung ihres Vorhabens gehindert, so dass sie unverrichteter Dinge abziehen mussten.

Der Zustand der ehemaligen Synagoge in der Nachkriegszeit

Bedingt durch die Umnutzung als Scheune nahm der Eigentümer größere Veränderungen an den Fassaden vor. Mehrere Fenster wurden zugemauert. Auf der Südseite, wo sich der Eingang zur Synagoge befand, wurde ein Teil des Fachwerks entfernt und ein hölzernes Scheunentor eingesetzt, auf der gegenüber liegenden Seite wurde eine größere Tür eingebaut. In den achtziger und neunziger Jahren verfiel das Gebäude zusehends. Durch undichte Stellen im Dach und zerbrochene Fensterscheiben drang ständig Feuchtigkeit ein und schädigte den Innenraum und auch das Fachwerk. Die Decken – und Wandmalereien wurden besonders in Mitleidenschaft gezogen. Teile des Lehmputzes, auf den sie aufgemalt waren, lösten sich und fielen herunter. In den siebziger Jahren war die ehemalige Synagoge unter Denkmalschutz gestellt worden. Aus Kostengründen konnte der Eigentümer jedoch nur oberflächliche kosmetische Reparaturen vornehmen, die den weiteren Verfall des Gebäudes nicht nachhaltig aufhalten konnten.

Die Translozierung und Wiederherstellung als Synagoge

Nach der Wiederbelebung der Jüdischen Gemeinde Göttingen kam im Jahre 1994 die Idee auf, die frühere Bodenfelder Synagoge nach Göttingen umzusetzen, sie zu restaurieren und wieder als Gemeindesynagoge zu nutzen, ein bisher einmaliges Unterfangen. Die Bodenfelder Synagoge war eine der wenigen in Deutschland, die der Zerstörungswut der Nationalsozialisten nicht zum Opfer gefallen war, und hatte somit eine herausragende symbolische Bedeutung. Da die jüdische Gemeinde in Göttingen über keine Synagoge mehr verfügte, bot sich mit der Umsetzung der Synagoge ein einmaliger historischer Anknüpfungspunkt an, in der ehemaligen Bodenfelder Synagoge lebendige jüdische Traditionen der Göttinger Gemeinde wieder zu beleben und der wachsenden jüdischen Gemeinde ein Zuhause zu geben. Zugleich bestand die einmalige Gelegenheit, eine zweckentfremdete frühere Synagoge aus der Region vor dem endgültigen Verfall zu bewahren und sie wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Im Jahre 1996 wurde eigens zu diesem Zweck der „Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen“ gegründet. Die Mitglieder des Vereins entwickelten vielfältige Aktivitäten, um Spenden für das einmalige Vorhaben einzuwerben. Ihrem engagierten Einsatz ist es zu verdanken, dass es gelang, die hohen bürokratischen Hürden des Denkmalschutzes bei der Translozierung der denkmalgeschützten Synagoge zu überwinden. Die Denkmalschutzbehörde betrachtete das Projekt zwar mit Wohlwollen und Respekt. Auf manche rechtliche Frage schien sich aber lange Zeit keine Antwort anzubieten. Im Sommer 1996 wurde von Studierenden der Technischen Universität Braunschweig im Rahmen des Dokumentationsprojektes „Synagogen in Niedersachsen“ eine bauliche Untersuchung mit Rekonstruktion der nicht mehr erhaltenen Fassadenteile vorgenommen. Auf Bitten der jüdischen Gemeinde beschloss der Förderverein im Jahre 1998, die Bodenfelder Synagoge zu kaufen. Um die geplante detailgetreue Rekonstruktion der Außenfassade und des Innenraums nach der geplanten Umsetzung zu ermöglichen, wurde noch im selben Jahr eine ausführliche Untersuchung der Außen – und Innenfassaden durchgeführt. Die Suche nach einem geeigneten Grundstück für das zukünftige Gemeindezentrum nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Schließlich bot sich in der Angerstraße ein Gebäude mit einem Gartengrundstück an, in dem zu dieser Zeit allerdings noch ein kirchlicher Kindergarten untergebracht war. Glücklicherweise konnte für den Kindergarten ein neues Zuhause gefunden werde, so dass sich auch dieses Problem einvernehmlich lösen ließ und im Jahre 2000 der Kaufvertrag für das Grundstück in der Angerstraße unterschrieben werden konnte. Ein Jahr später ging das Grundstück in das Eigentum der Jüdischen Gemeinde über. Damit war die Grundlage für den Bau eines jüdischen Gemeindezentrums geschaffen worden, in dem auch die Bodenfelder Synagoge ihren Platz finden sollte. Im Jahre 2001 wurde der Bauantrag gestellt und die Ausschachtungsarbeiten für das Fundament konnten beginnen. Innerhalb weniger Tage wurde die ehemalige Synagoge im Herbst 2006 von einer Fachfirma abgebaut. Mit Hilfe eines großen Krans wurden die einzelnen sorgsam getrennten Elemente aus dem Garten über das Dach des Vorderhauses herüber gehoben und auf Tiefladern transportfertig gemacht. Alle Balken, Gefache und Fensterrahmen waren vorher einzeln nummeriert worden, um beim Wiederaufbau am neuen Standort Göttingen alles wieder im Originalzustand herrichten zu können. Selbst die alten Fensterrahmen wurden einzeln verpackt, um sie - soweit es möglich war - wieder originalgetreu einzubauen. Viele Teile mussten allerdings ausgebessert und ergänzt werden, da sie infolge jahrzehntelanger Vernachlässigung sehr gelitten hatten. Eigentlich sollte mit dem Wiederaufbau der Synagoge möglichst bald nach ihrer Ankunft in Göttingen begonnen werden, doch durch den Fund eines archäologischen Denkmals, eines Färberofens aus dem 16. Jahrhundert, im Bereich des geplanten Fundaments, verzögerte sich der Bau des Fundaments erheblich. Anlässlich des Chanukka – Festes 2007 konnte endlich das Richtfest der neuen Gemeindesynagoge gefeiert werden. Aus finanziellen Gründen konnten allerdings zu diesem Zeitpunkt die Fenster noch nicht eingesetzt und der Innenausbau nicht fortgesetzt werden. Deshalb musste der Rohbau gesichert werden. Doch schon im darauf folgenden Jahr konnten die Bauarbeiten fortgesetzt und vorerst im November 2008 abgeschlossen werden. Heute steht die Synagoge in der Angerstraße - wie früher in Bodenfelde – auf einem Gartengrundstück hinter einem Fachwerkgebäude, dessen Restaurierung in absehbarer Zeit abgeschlossen sein wird. Einer der nächsten Schritte wird die innere Gestaltung der Synagoge sein. Die erhaltenswerten floralen und geometrischen Deckenmalereien sind gesichert und konserviert worden, so dass sie hoffentlich eines Tages wieder die Decke der Synagoge zieren werden. Dann wird das neue Jüdische Zentrum vollendet sein und nicht nur den ca 200 Mitgliedern der Gemeinde sondern allen interessierten Menschen offen stehen.

Detlev Herbst



Quellen:
Bundesarchiv: Außenstelle Potsdam
Bestand 75

Nds. Hauptstaatsarchiv Hannover:
Cal Br. 23
Hann 52
Hann 71 B
Hann 71 Göttingen
Hann 74 Uslar
Hann 80 Hildesheim
Hann 83 b
Hann Des 88 D
Hann 172 Uslar
Hann 180 Hildesheim
Nds. 71 Göttingen
Nds 721 Göttingen

Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen (Hg.)
Die versteckte Synagoge
Umzug in ein neues Leben
Göttingen 2008

Sabine Glatter, Andrea Jensen ( Bearbeiter)
Die ehemalige Synagoge in Bodenfelde
Ein Beitrag zum Dokumentationsprojekt „Synagogen in Niedersachsen“
der Technischen Universität Braunschweig,
Institut für Bau – und Stadtbaugeschichte,
Braunschweig 1996 (unveröffentlicht)


Detlev Herbst
Jüdisches Leben im Solling
Der Synagogenverband Bodenfelde – Uslar – Lippoldsberg
und die Synagogengemeinde Lauenförde
Uslar 1997

H. Lausmann, Restaurator
Bericht über durchgeführte Untersuchungsarbeiten
Inder ehemaligen Synagoge in Bodenfelde
In der Zeit vom 14. 4. – 22. 4. 1998
Schwalmstadt 1998 (unveröffentlicht)

Gespräche mit Zeitzeugen